Welche Versicherungen brauche ich wirklich?
Wer sich mit Versicherungen beschäftigt, landet schnell bei langen Listen.
Diese Versicherung sollte man haben. Jene könnte sinnvoll sein. Und irgendwo liest man, dass noch drei weitere Policen fehlen.
Das Problem dabei: Die Anzahl deiner Versicherungen sagt nichts darüber aus, wie gut du tatsächlich abgesichert bist.
Viel sinnvoller ist eine andere Frage:
Welcher Schaden könnte mich finanziell so stark treffen, dass ich ihn nicht selbst tragen kann?
Genau dort beginnt eine vernünftige Absicherung.
Versicherung ist für Risiken da, nicht für jeden Ärger
Ein kaputtes Smartphone für 600 Euro ist ärgerlich.
Ein Schaden, für den du persönlich mit sehr hohen Summen haftest, kann dagegen deine gesamte finanzielle Situation verändern.
Beides ist ein Schaden. Die finanziellen Folgen sind aber völlig unterschiedlich.
Deshalb lohnt es sich, Versicherungen nicht nach Produktnamen zu sortieren, sondern nach dem möglichen Risiko.
Eine einfache Reihenfolge hilft:
1. Existenzielle Risiken
Schäden, die du aus deinem eigenen Vermögen kaum oder gar nicht bezahlen könntest.
2. Einkommen und Arbeitskraft
Risiken, durch die dein laufendes Einkommen über längere Zeit wegfallen könnte.
3. Größere Vermögenswerte
Zum Beispiel dein Hausrat oder eine Immobilie.
4. Kleine Schäden
Dinge, die ärgerlich sind, die du mit einer ausreichenden Rücklage aber selbst bezahlen könntest.
Je weiter unten ein Risiko in dieser Liste steht, desto genauer lohnt sich die Frage, ob dafür wirklich ein eigener Versicherungsvertrag notwendig ist.
1. Private Haftpflicht: freiwillig, aber sehr relevant
Eine private Haftpflichtversicherung ist in Deutschland für Privatpersonen grundsätzlich nicht gesetzlich vorgeschrieben.
Trotzdem gehört sie zu den Absicherungen, die man sehr früh prüfen sollte.
Warum?
Wenn du einem anderen Menschen einen Schaden zufügst und dafür haftest, können daraus hohe Forderungen entstehen.
Bei einem kaputten Gegenstand bleibt der Schaden möglicherweise überschaubar. Bei schweren Personenschäden können dagegen langfristige Kosten entstehen.
Genau hier zeigt sich das Grundprinzip:
Versichere Risiken, deren finanzielle Folgen du selbst nicht tragen kannst.
Beim Check deiner Privathaftpflicht solltest du deshalb nicht nur fragen, ob du einen Vertrag hast.
Prüfe auch:
- Wer ist mitversichert?
- Welche Versicherungssumme gilt?
- Welche Schäden sind eingeschlossen?
- Welche Ausschlüsse gibt es?
- Passt der Vertrag noch zu deiner heutigen Lebenssituation?
Ein Vertrag, der seit 15 Jahren unangetastet im Ordner liegt, ist nicht automatisch ein guter Vertrag.
2. Hausratversicherung: Was gehört überhaupt zum Hausrat?
Bei der Hausratversicherung hilft zunächst ein einfacher Merksatz:
Hausrat ist vereinfacht gesagt vieles von dem, was du bei einem Umzug mitnehmen würdest.
Dazu können zum Beispiel gehören:
- Möbel
- Kleidung
- Fernseher
- Computer
- Haushaltsgeräte
- Geschirr
- Bücher
- persönliche Gegenstände
Entscheidend ist aber nicht nur, was du besitzt.
Die spannendere Frage lautet:
Wie hoch wäre der finanzielle Schaden, wenn ein großer Teil davon auf einmal ersetzt werden müsste?
Wer nur einen sehr kleinen Hausstand besitzt, bewertet dieses Risiko möglicherweise anders als eine Familie mit vollständig eingerichteter Wohnung.
Auch hier gilt deshalb:
Nicht einfach eine Versicherung kaufen, weil man sie „eben hat“. Erst das eigene Risiko einschätzen.
Hausrat und Gebäude sind nicht dasselbe
Ein häufiger Denkfehler ist, Hausratversicherung und Gebäudeversicherung miteinander zu vermischen.
Vereinfacht:
Hausratversicherung: bewegliche Gegenstände in deinem Haushalt.
Wohngebäudeversicherung: das Gebäude und fest damit verbundene Bestandteile.
Das wird besonders bei Schäden schnell relevant.
Ein beschädigtes Möbelstück und ein Schaden an einem fest eingebauten Bestandteil können versicherungstechnisch zwei verschiedene Dinge sein.
3. Unfallversicherung und Berufsunfähigkeit sind keine Alternative zueinander
Auch diese beiden Versicherungen werden häufig miteinander verwechselt.
Der Gedanke lautet dann:
„Ich habe doch eine Unfallversicherung. Damit bin ich abgesichert, wenn ich nicht mehr arbeiten kann.“
So einfach ist es nicht.
Eine Unfallversicherung knüpft grundsätzlich an einen Unfall und dessen versicherte Folgen an.
Bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung steht dagegen die Frage im Mittelpunkt, ob du deinen Beruf aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen entsprechend den Vertragsbedingungen nicht mehr beziehungsweise nur noch eingeschränkt ausüben kannst.
Der Unterschied ist relevant, weil ein längerer Ausfall der Arbeitskraft nicht zwingend durch einen Unfall entstehen muss.
Denkbar sind zum Beispiel:
- Erkrankungen
- psychische Belastungen
- Rücken- und Gelenkbeschwerden
- andere gesundheitliche Einschränkungen
Deshalb solltest du beim Thema Arbeitskraft nicht zuerst fragen:
„Welche Versicherung habe ich?“
Sondern:
„Was passiert finanziell, wenn mein Einkommen für längere Zeit ausfällt?“
4. Kleine Versicherungen: sinnvoll oder einfach nur beruhigend?
Handyversicherung, Reisegepäckversicherung, Glasversicherung und zahlreiche andere Zusatzversicherungen kosten einzeln oft nicht besonders viel.
Genau deshalb werden sie schnell abgeschlossen.
„Für ein paar Euro im Monat bin ich auf der sicheren Seite.“
Doch viele kleine Beiträge können sich summieren.
Und nicht jeder kleine Schaden muss zwingend versichert werden.
Vor dem Abschluss kannst du dir vier Fragen stellen:
Wie hoch kann der Schaden maximal werden?
Ein Schaden von 400 Euro ist etwas anderes als ein möglicher Schaden von mehreren hunderttausend Euro.
Könnte ich ihn selbst bezahlen?
Genau dafür sind Rücklagen da.
Wer jederzeit 1.000 oder 2.000 Euro aus einer Rücklage bezahlen kann, muss kleinere Risiken möglicherweise nicht einzeln versichern.
Was kostet die Versicherung über mehrere Jahre?
10 Euro im Monat wirken wenig.
Das sind:
120 Euro im Jahr
und
600 Euro in fünf Jahren.
Dann lohnt sich die Frage, welcher Schaden dafür tatsächlich abgesichert wird.
Was steht in den Bedingungen?
Eine Versicherung ist nicht automatisch gut, nur weil ihr Name passend klingt.
Leistungsgrenzen, Selbstbeteiligungen, Ausschlüsse und Voraussetzungen bestimmen, was du im Schadenfall tatsächlich bekommst.
5. Restschuldversicherung: Kredit und Versicherung getrennt betrachten
Eine Restschuldversicherung wird häufig zusammen mit einem Kredit angeboten.
Sie soll je nach Vertrag bestimmte Risiken rund um die Rückzahlung absichern.
Gerade hier solltest du genau hinschauen.
Prüfe zum Beispiel:
- Was kostet die Absicherung insgesamt?
- Welche Ereignisse sind versichert?
- Welche Wartezeiten bestehen?
- Welche Ausschlüsse gelten?
- Wie hoch ist die tatsächliche Leistung?
- Bestehen für dasselbe Risiko bereits andere Absicherungen?
Der Kredit und die angebotene Versicherung sollten deshalb gedanklich immer zwei getrennte Entscheidungen sein.
Die bessere Reihenfolge für deinen Versicherungscheck
Wenn du deinen Versicherungsordner öffnest, musst du nicht sofort jeden einzelnen Vertrag analysieren.
Beginne mit deiner persönlichen Situation.
Schritt 1: Welche Risiken gibt es?
Zum Beispiel:
- Haftung gegenüber anderen
- Verlust deiner Arbeitskraft
- Krankheit
- Tod eines Familienmitglieds
- Schäden am Eigentum
- Schäden am Hausrat
Schritt 2: Welche Folgen hätte das finanziell?
Frage dich:
Was würde dieser Schaden mit meinem Haushalt machen?
Schritt 3: Was kannst du selbst tragen?
Hier kommen Rücklagen ins Spiel.
Ein vernünftiger Notgroschen ist deshalb auch Teil deiner Absicherungsstrategie.
Schritt 4: Was ist bereits abgesichert?
Prüfe bestehende Verträge und vorhandene Leistungen.
Schritt 5: Welche echte Lücke bleibt?
Erst jetzt wird die Frage interessant, ob eine zusätzliche Versicherung sinnvoll sein könnte.
Versicherungen sind nur ein Teil deiner Finanzplanung
Ein guter Versicherungsschutz bedeutet nicht, dass jedes denkbare Risiko abgesichert werden muss.
Finanzielle Stabilität besteht aus mehreren Bausteinen:
Absicherung + Rücklagen + geregelte Ausgaben + Vermögensaufbau + Altersvorsorge
Wer jeden kleinen Schaden versichert, aber keinerlei Rücklagen besitzt, ist deshalb nicht automatisch finanziell gut aufgestellt.
Genauso problematisch kann es sein, viel Geld anzusparen und gleichzeitig existenzielle Risiken vollständig zu ignorieren.
Das Ziel ist eine sinnvolle Balance.
Mein einfacher Versicherungscheck
Stell dir bei jedem Vertrag diese fünf Fragen:
1. Welches Risiko sichere ich damit ab?
2. Wie hoch könnte der Schaden werden?
3. Könnte ich den Schaden selbst bezahlen?
4. Welche Leistung bekomme ich tatsächlich?
5. Passt der Vertrag noch zu meinem heutigen Leben?
Wenn du diese Fragen beantworten kannst, wird dein Versicherungsordner plötzlich deutlich verständlicher.
Und genau darum geht es.
Nicht möglichst viele Versicherungen besitzen.
Sondern wissen, warum du welche Absicherung hast.
Deine Versicherungen sollten zu deinem Leben passen, nicht zu irgendeiner allgemeinen Checkliste.
Wenn du deine Finanzen ordnen möchtest, beginne nicht mit neuen Produkten. Verschaffe dir zuerst einen Überblick über deine bestehenden Verträge, deine Rücklagen und deine finanziellen Risiken.
Verstehen. Ordnen. Umsetzen.
Mario Koop | Financial Trainer
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Finanzbildung und ersetzt keine individuelle Versicherungs- oder Rechtsberatung. Welche Absicherung sinnvoll ist, hängt immer von der persönlichen Situation und den jeweiligen Vertragsbedingungen ab.
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